Poesie des Laufens

Nach 21 Kilometern auf dem Bettmerhorn – warum tut man sich das an?

Läufer sind Poeten. Es ist schon erstaunlich, wie viele Läuferinnen und Läufer auch poetisch veranlagt sind. Von der Ultraläuferin Lizzy Hawker stammt der Satz: „Laufen ist ein Geschenk, das uns ermöglicht herauszufinden, wer wir wirklich sind“. Das sind grosse Worte. Gestern kamen sie mir in den Sinn, als ich nach 21 Kilometern mit dem 1226. Gesamtrang von 3000 gestarteten Läuferinnen und Läufern das Ziel auf dem Bettmerhorn erreichte. Die Glücksgefühle nach einem solch gewaltigen Lauf sind unbeschreiblich, die Zufriedenheit darüber, es wieder einmal geschafft zu haben ebenfalls. Aber das Wichtigste: Diese unbeschreibliche Lust aufs Leben, diese Freude an den Herausforderungen aller Art, erhält die Jugendlichkeit und macht süchtig.

Laufen macht kreativ. Welche sportliche Leistung muss ein Mensch erbringen, damit dadurch auch eine geistige Aktivität begünstigt wird? Wie kann das sportliche Laufen zum Beispiel eine Prüfungsvorbereitung unterstützen? Darüber habe ich in meinem Buch „Wo Träume Flügel haben“ geschrieben. Auch nach Jahrzehnten intensiven Laufens beschäftigt mich die Frage nach dem „Wieviel“. Wie intensiv muss der physische (körperliche) Stimulus sein, damit er die emotionale Gestimmtheit und die kognitive (geistige) Leistung zu beeinflussen imstande ist? Ich hatte vor Jahren eine Formel entwickelt, die angibt, wie viel physische Leistung vonnöten ist, um das emotionale Korsett ideal zu beeinflussen und die kognitive Leistung optimal zu unterstützen und zu fördern. Ein Marathonlauf als Teil einer Prüfungsvorbereitung? Ja, warum nicht? Das kann funktionieren.

Unterwegs mit Kolleginnen hinauf aufs Bettmerhorn – beim Laufen ergeben sich spontane Seilschaften und Freundschaften.

Laufen ist eine Lebenseinstellung. Die Marathon-Olympiasiegerin Joan Benoit-Samuelson überraschte mit der schon fast philosophischen Aussage: „Laufen ist mehr, als nur einen Fuss vor den anderen zu setzen, es ist eine Lebenseinstellung.“ Sportliche Leistungen euphorisieren und schaffen Selbstvertrauen. Es ist dies die wichtigste Voraussetzung, um Herausforderungen aller Art, die das Leben für uns bereit hält, erfolgreich zu meistern. Allerdings ist der Mensch keine Maschine, die beliebig „getunt“ werden kann. Das Tuning ist sehr individuell und es ist von grosser Wichtigkeit, auf den eigenen Körper zu hören. Ein geistiger Höhenflug kann durch eine sportliche Leistung ausgelöst werden. Wie stark der physische Stimulus sein muss, damit der geistige Höhenflug gestartet werden kann, ist abhängig von der physischen und psychischen Verfassung des Probanden.

Der Lauf des Lebens. In den vergangenen Jahren habe ich verschiedentlich den Berglauf-Klassiker Siders-Zinal bewältigt. Der Lauf symbolisiert unser Leben. Es geht zuerst streng bergauf, man muss sich eine gute Ausgangsposition erarbeiten. Auf dem Scheitelpunkt des Laufes (des Lebens) geniesst der Läufer eine wundervolle Aussicht. Doch dann geht es bergab und der steil abfallende Abstieg hält viele Fallstricke bereit, vergleichbar mit dem Älterwerden. Bei einer dieser Austragungen traf ich auf Michel Jordi, den erfolgreichen Schweizer Unternehmer. Nachdem er Sierre-Zinal bewältigt hatte, startete er seine erfolgreiche Uhrenmarke, wenig später seinen modischen Ethno-Look, der ihn weltbekannt machen sollte. Auch bei ihm hatte die Formel funktioniert. Ein geistiger Höhenflug wurde ausgelöst durch eine sportliche Leistung.

Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung. Der Autor und Laufmotivator Jay Foonberg lässt sich gerne mit folgendem Satz zitieren: „Wenn ich das Beste aus meinen Möglichkeiten mache, dann habe ich mein Rennen gewonnen.“ Eine physisch-emotional-kognitive Planung gemäss dem ganzheitlichen Kommunikationsmodell funktioniert nicht nur vor Prüfungssituationen, die das Leben immer weder für uns bereit hält. Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung ist eine Lebensaufgabe.

Geben Sie sich einen Kick! Wer sich hin und wieder mit einer physischen Leistung einen emotionalen und kognitiven Kick verpasst, der führt ein interessantes, abwechslungsreiches, fantasievolles und kreatives Leben.

Text und Fotos: Kurt Schnidrig

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