Maturanden-Literatur

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Ob mit Matura, mit Diplom oder Abgangszeugnis – es ist ein Schritt hinaus ins Leben…
(Archivbild: Kurt Schnidrig)

Mitte Juni lacht das Glück den Tüchtigen. Jedes Jahr wieder eine riesen Freude: Die Abschlussfeiern an unseren Schulen. Überall glückliche Gesichter, erleichterte Herzen, berechtigter Stolz. Und ja, vereinzelt auch Tränen und Traurigkeit bei jenen, die es nicht geschafft haben. Dieses Jahr durfte ich als Chefexperte für das Fach Deutsch am Kollegium Brig amten. Und ich konnte mich einmal mehr freuen über das breite und profunde Wissen der Maturandinnen und Maturanden.

Gleiche Chancen für alle? In diesen Tagen förderte eine Studie des Bundes Erstaunliches zu Tage. Gemäss dieser Studie soll der Anteil junger Erwachsener ohne Ausbildung rapide ansteigen. Die Zahl junger Erwachsener ohne Abschluss auf der Sekundarstufe II, also ohne Matura oder Lehrabschluss, soll sich demnach zwischen 2010/11 und 2014/15 nahezu verdoppelt haben. Jeder zehnte junge Erwachsene verlässt die Schulbank ohne Abschluss und nimmt auch keine Ausbildung auf sich. Zu denken gibt die Ursache für dieses bedenklich stimmende Ergebnis: Der bescheidene finanzielle Hintergrund vieler Familie erlaubt es nicht, den jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen. Anscheinend bieten auch die staatlichen Ausbildungshilfen und Stipendien keine ausreichende Unterstützung mehr.

Den Rucksack fürs Leben füllen. Eine solide Ausbildung in jungen Jahren ist Voraussetzung für ein erfülltes Leben. Die Literatur steht dabei an vorderster Stelle. Die Literatur bietet Muster für echte Lebenshilfe an. Aus der schöngeistigen Literatur, aus der Belletristik, lässt sich mit Hilfe ausgewählter Werke so manche Lebenssituation analysieren, planen und meistern. Die Literatur schärft sowohl das Analytische und Logische als auch die Phantasie, die Intuition und das Vorstellungsvermögen. Die Literatur liefert Anwendungs- und Betätigungsfelder für fast alle Lebenslagen. Die Literatur schult insbesondere unsere psychologische, philosophische und kommunikative Lebensführung.

Streifzug durch die Literaturgeschichte. Was alles umfasst Maturanden-Literatur? Die literarischen Epochen sind auch heute noch eine Möglichkeit, die vielen Aspekte und Strömungen einzuordnen und zu bündeln. Nach Goethe und Schiller ist es die Aufgabe der Kunst, einen menschlichen Idealzustand zu beschreiben. In der literarischen Klassik spätestens ist erlebbar, was heute noch Idealbild und Lebensziel von uns allen sein muss. Die literarische Romantik lehrt uns, den Blick von allem, was uns umgibt, auf unser Inneres zu lenken. Die Überwindung alltäglicher Begrenzungen und das Verlangen nach unbeschränkter Freiheit – diese beiden romantischen Forderungen können in verschiedenen Lebenslagen wichtig werden. Kritisch Stellung beziehen zu Themenbereichen wie Volk, Vaterland, Gesellschaft und Staat – wie dies zu geschehen hat, zeigt exemplarisch die Epoche des Vormärz und Biedermeier. Unser Weltbild verändert sich je nach Lebensphase, in der wir uns befinden. Mal dominieren die Schattenseiten des Lebens wie im Naturalismus, mal beherrscht uns eine resignative Stimmung wie im Realismus. Nicht immer ist das Leben ein Zuckerschlecken, immer wieder mal macht sich Weltuntergangsstimmung breit wie im Expressionismus. Unsere gelebte Vergangenheit muss bewältigt werden, die Nachkriegsliteratur hilft bei der Bewältigung von Traumata in einer Welt voller Kriege, Dramen und Tragödien. Und natürlich ist Literatur auch immer wieder aufbauend, tröstlich und sorgt für konstruktive Lebenskonzepte.

Der Schulleiter gibt den Maturi gerne auch literarische Zitate mit auf den weiteren Lebensweg.
Archivfoto: Kurt Schnidrig

Literarische Zitate an der Abschlussfeier. Eine kleine Auswahl von literarischen Zitaten für Matura- und Diplomfeiern möchte ich allen Schulabgängern mit auf den weiteren Lebensweg geben:

Das Ziel der Schule sollte immer sein, harmonische Persönlichkeiten und nicht Spezialisten zu entlassen. (Albert Einstein) / Es mag sein, dass wir durch das Wissen anderer gelehrter werden; weiser werden wir aber nur durch uns selbst. (Michel de Montaigne) / Gebildet ist, wer weiss, wo er findet, was er nicht weiss. (Georg Simmel). / Ausbildung heisst, das zu lernen, von dem du nicht einmal wusstest, dass du es nicht wusstest. / Der Mensch findet die grösste Freude in dem, was er selbst neu findet oder hinzulernt. (Carl Philipp von Clausewitz).

In der Schule des Lebens… Ein Abgangszeugnis, ein Diplom oder eine Matura öffnet Türen und läutet einen neuen Lebensabschnitt ein. In der Schule des Lebens aber, da bleiben wir alle für immer Schüler.

Text und Fotos: Kurt Schnidrig

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