Indianer-Träume

Ein Indianer sein ist ein Projekt. Unser Pferd „Fibi“ und ich.

Als ich noch klein war, da hatte ich noch Träume. Da hab‘ ich gesagt: Wenn ich mal gross bin, dann gehe ich nach Amerika. Ich fahre mit dem Schiff übers Meer, kaufe mir ein Pferd und ein Gewehr und schliesse mich den Indianern an. Da hab ich noch nicht gewusst, dass sie meine Träume kaputt gemacht haben. Es gibt keine Indianer mehr. Sie reiten nicht mehr durch die Prärie. Und überhaupt ist nichts mehr so, wie es mal war. (Frei nach dem Indianer-Song von Gölä).

Die Überlebenden einer Apokalypse. Gölä liegt mit seinem Song falsch. Es gibt noch Indianer, besonders viele Stämme leben östlich des Mississippi. Für sie ist Indianersein auch ein intellektuelles und spirituelles Projekt. Bei den US-Wahlen 2018 haben zwei Indianerinnen sogar Mandate im amerikanischen Kongress gewonnen, sie heissen Deb Haaland und Sharice Davids. Amerikas Ureinwohner erleben eine erstaunliche Renaissance. Nun haben sie mit dem Buchautor David Treuer auch einen Chronisten gefunden, der als Mitglied des Ojibwe-Stammes in Minnesota seit dreissig Jahren über die Entwicklung des indianischen Lebens schreibt. Soeben erschienen ist sein neustes Buch mit dem Titel „The Heartbeat of Wounded Knee: Native America from 1890 to the Present“ (Riverhead 2019, 512 Seiten). Galt bisher das Massaker an den Indianern am Wounded Knee Creek in South Dakota vom 29. Dezember 1890 als tragisches Ende des indianischen Lebens, müssen wir jetzt über die Bücher. Zwar erlosch der indianische Widerstand gegen die weissen Eroberer nach dem Massaker von Wounded Knee und die indianischen Ureinwohner fristeten lange Zeit ein unrühmliches Dasein in Reservaten. Doch jetzt kommt die Wende.

Die Aufarbeitung des Indianer-Massakers. Nach dem Massenmord von Wounded Knee, als die US-Kavallerie alle Männer, Frauen und Kinder des Lakota-Stammes niedergemetzelt hatte, musste die indianische Urbevölkerung viel Gewalt und brutale Entrechtung erleiden. Die Zahl der indianischen Bevölkerung sank von fünf Millionen auf nur noch 237’000. Die Regierung zerstörte gezielt die indianische Kultur. Indianische Kinder erfuhren eine Zwangseinweisung in staatliche Internate, wo sie häufig Missbrauch und Schikanen ausgesetzt waren. Doch einige der Indianer-Stämme wandten sich an die Gerichte und erstritten sich ihr Land und ihre Vertragsrechte zurück.

Wiedergutmachung ist angesagt. Viele Indianer kämpften in den Weltkriegen an der Seite der US-Streitkräfte. Mit ihrem heldenhaften Kampf für die USA verbesserten sie ihre Lebensbedingungen. US-Präsident Richard Nixon ging mutig voran und prangerte die katastrophalen Folgen der US-Politik für die Indianer an. Nixon gab dem indianischen Volk die Vollmachten über sein Land zurück.

Indianische Lebensweise prägt auch dich und mich. Die indianische Kultur, Lebensweise und Philosophie hat längst auch uns Europäer erreicht. Auch für viele von uns ist „Indianersein“ ein intellektuelles und spirituelles Projekt. Hier ein paar der schönsten indianischen Weisheiten:

Achte auf die Stille und bewahre sie, denn sie bringt alle Träume des Menschen. / Die Sehnsüchte des Menschen sind Pfeile aus Licht. Sie können Träume erkunden, das Land der Seele besuchen, Krankheit heilen, Angst verscheuchen und Sonnen erschaffen. / Urteile nicht darüber, ob etwas gut oder schlecht ist, ohne dein Herz befragt zu haben. / Wirklich weise ist, wer mehr Träume in seiner Seele hat, als die Realität zerstören kann. / Du kannst den Regenbogen nicht haben, wenn es nicht irgendwo regnet. /

Ich bin ein Falke. Das indianische Tierkreiszeichen wird auch als Totemtier bezeichnet. Es wird anhand der Geburt bestimmt. Dein lebenslängliches Krafttier unterstützt, behütet und begleitet dich auf deinem Weg und spricht mit deiner Seele. Mein persönliches Totemtier ist der Falke. Der Falke ist eine geborene Führungspersönlichkeit. Er ist unternehmungslustig, aber auch egozentrisch und ungeduldig. Der Falke ist sehr kreativ, und er ist immer auf der Jagd. – Ja, so wird es wohl sein. Ich stimme zu. Denn Indianersein ist auch mein intellektuelles und spirituelles Projekt. Wie bekräftigen die Indianer das Gesagte? Mit einem überzeugten Howgh! Ich habe gesprochen.

Text und Foto: Kurt Schnidrig

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  1. Ein großes Kompliment Kurt: Gebe es unumwunden zu, auch ich war, trotz meiner frühen Neigung für
    Gottfried Keller, Hermann Hesse und anderer literarischen Koryphäen,
    bis zu meinem 16. Altersjahr von allem Indianischen hell begeistert. Diese Liebe fußte vor allem in den Büchern von Karl May, der sicher zu den meistgelesenen Schriftstellern im deutschen Raum zählt, und der, obwohl er mit seiner reichen Phantasie nicht in den engmaschigen Raster kleinbürgerlichen Moralempfindens passte, die hierzulande herrschende Indianerverehrung entscheidend prägte.

    Die naturbetonte indianische Weltanschauung, wie sie z. B. in
    der berühmten Rede des Häuptling Seattle zutage tritt, kann unserer ins Materielle abgedrifteten Zivilisation sicher nicht schaden.

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