Alles wird gut…

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Wer ohne Angst durchs Leben gehen will, der muss hin und wieder eine Mutprobe bestehen.
(Foto: Kurt Schnidrig)

Was hält das Wallis zusammen? Es gibt nicht wenige, denen bei dieser Frage zuerst einmal nur der FC Sion einfällt. Und das, obschon sich mit Bastien Toma nur gerade ein einziger waschechter Walliser im Team von Christian Constantin halten kann. Christian Constantin! CC ist ein Showman, ein Provokateur, aber auch ein genialer Architekt. In der vergangenen Woche versuchte er sich sogar als Psychologe. Vor dem kapitalen Spiel vom vergangenen Mittwoch, das über Sein oder Nichtsein des FC Wallis entscheiden sollte, hatte er sich für seine Fussballer etwas Besonderes ausgedacht.

Mit einer Mutprobe gegen die Angst. CC verlangte von seinen Profi-Spielern etwas ganz Besonderes. 136 Meter über der Schlucht von Salentse bei Saillon mussten sie eine hundert Meter lange Hängebrücke hoch über den Weinreben überqueren: Die Passerelle à Farinet. Wer Höhenangst hat, der hat keine Chance, die Hängebrücke zu überqueren. CC sagte seinen Jungs, dass man sich im Leben überwinden müsse. Man müsse sich genauso überwinden wie im entscheidenden Match, der über den Verbleib in der höchsten Spielklasse entscheiden werde. Der FC Sion gewann übrigens das entscheidende Spiel, der einzige Torschütze war Bastien Toma, der einzige Walliser im Team. Geschafft!

Man muss hin und wieder an seine Grenzen gehen, um in schwierigen Situationen frei von Angst entscheiden und bestehen zu können. (Foto: Kurt Schnidrig)

Geschafft! Als Dozent für Kommunikation an der Hochschule Wallis in Siders hielt ich bis vor kurzem sogenannte „Teamseminare“ ab. Der Grundgedanke war derselbe wie bei CC und seinem FC Sion. Bei diesen Teamseminaren galt es, eine schwierige Situation ohne Angst zu meistern. Wir erklommen einen Berggipfel im Team, oder wir segelten mit dem Hängegleiter von Kühboden bis hinunter nach Fiesch. Es ist logisch, dass ich selber als Leiter des Teamseminars stets mit dem mutigen Beispiel vorauszugehen hatte (Bild). Die mir anvertrauten Studierenden – meist waren es angehende Wirtschaftsinformatiker oder Pflegefachfrauen – erinnern sich viele noch heute an diese harten Mutproben, wenn sie sich den angsteinflössenden Herausforderungen des täglichen Lebens zu stellen haben. Mit vielen von ihnen halte ich bis heute Kontakt, das physisch und psychisch herausfordernde Erlebnis hat uns zusammengeschweisst.

Kontrolle behalten in einer globalen Welt. Eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart ist Martha C. Nussbaum. Soeben ist ihr mit Spannung erwartetes Buch erschienen. Es trägt den Titel „Königreich der Angst“. Die Philosophin Nussbaum diagnostiziert darin ein weltweites Ohnmachtsgefühl. Als Professorin an der Universität von Chicago glaubt sie, dass dieses Ohnmachtsgefühl eine gesellschaftliche Spaltung bewirke, die beispielsweise in den USA seit der Wahl Trumps deutlich erkennbar sei. Trumps Regierungsstil erinnere sie an den frühen kindlichen Wunsch, die anderen zu beherrschen, schreibt Nussbaum. Eine besonders gefährliche Mischung entstehe, wenn sich die Ohnmacht mit Wut, Ekel oder Neid mische. Diese gefährliche Mischung entlade sich dann oftmals in Fremden- oder Frauenhass. Nussbaum empfiehlt, sich so wie damals Martin Luther King zu verhalten. Dieser liess sich nicht von Rachegelüsten leiten, sondern von der Hoffnung auf eine bessere Welt.

Eine Theorie der politischen Emotion. In ihrem Buch „Königreich der Angst“ stemmt sich die Philosophin Nussbaum gegen die überall um sich greifende Hysterisierung. Nussbaum diagnostiziert weltweit eine panisch-apokalyptische Stimmung. In diesem aufgeheizten Klima sei es den Menschen nicht möglich, angemessen miteinander zu kommunizieren. Angst sei ein schlechter Ratgeber, auch in der Politik. Die politischen Lager von links bis rechts seien unfähig, miteinander anständig umzugehen. Die Globalisierung habe bei vielen ein Gefühl der Machtlosigkeit hervorgerufen, das zu Ressentiments und zu Schuldzuweisungen führe: Schuld an der weltweiten Misere sollen die Immigranten sein, die Muslime oder die kulturellen Eliten. Wir alle leben – gemäss der Philosophin Nussbaum – in einem Königreich der Angst.

Glück und Zufriedenheit stellen sich nach einer Herausforderung ein, die man erfolgreich gemeistert hat. So kann zum Beispiel ein Flug mit dem Hängegleiter dazu befähigen, eine anstehende Lebensaufgabe ohne Angst und erfolgreich zu meistern. (Foto: Kurt Schnidrig)

Alles wird gut. Die Angst gehört zu unseren frühesten Emotionen. Die Angst schützt den Säugling vor Gefährdungen aller Art. Das Baby schreit, wenn sich die Eltern entfernen. Das Baby schreit, wenn es Hunger oder Durst verspürt. Das Baby schreit, wenn es im Dunkeln alleine ist. Die Angst treibt auch Erwachsene um. Schreien hilft den Erwachsenen allerdings nicht weiter. Eine Emotion wie Angst kann aber auch förderlich sein, der Demokratie zum Beispiel. Damit sich aber Angstgefühle zu hoffnungsvollen Gedanken auf eine bessere Welt umformen lassen, müssen wir uns gezielt darauf vorbereiten. Indem wir physische, psychische und emotionale Herausforderungen annehmen oder in Teamseminaren unser Durchhaltevermögen trainieren.

Wir sollten immer wieder mal an unsere eigenen Grenzen gehen, um lebendig, hoffnungsvoll und mutig zu bleiben. Dann hat die Angst keine Chance. Und alles wird gut.

Text und Fotos: Kurt Schnidrig

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