Literarische Influencer

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Die amerikanischen Medien lenken den literarischen Weltmarkt. Bild: Times Square.
(Foto: Kurt Schnidrig)

Die Influencer der Weltliteratur sind vorwiegend Medienleute aus den USA. Eine besondere Stellung nimmt dabei die renommierte New York Times ein. Buchtitel, die von den Feuilletonisten der New York Times auf die vorderen Positionen ihrer Bestenlisten gehievt werden, erscheinen regelmässig auch bei uns als Bestseller in deutschsprachiger Übersetzung. Dabei ist das Rezept altbewährt: Man nehme Themen, die weltweit in aller Leute Munde sind. Dazu sucht man einen aktuellen Aufhänger. Dann kann die PR-Maschine anlaufen.

Die Key Influencer im Literaturbetrieb sind Blogger, Journalisten, Schriftsteller und Wissenschaftler mit hohem Ansehen und grosser Wertschätzung, die aufgrund ihres eigenen Blogs, ihres Social-Media-Profils oder ihres Print-Produkts eine grosse Anzahl von Followern haben. Aktuell beherrschen John Grisham und Sheila Heti den Markt. Sie tun dies mit altbekannten Themen wie „Schuld und Sühne“, „Todesstrafe“ oder „Neue Rollenbilder“, insbesondere auch „Das neue Frauenbild“. Es sind dies Themen, die in Romanen und Sachbüchern mit der gegenwärtigen Debatte verknüpft werden. Alter Wein in neuen Schläuchen, so liesse sich das Vorgehen zusammenfassen. Zwei Beispiele mögen diesen Trend illustrieren.

Die Mutterschaft der Sheila Heti. Die New York Times zählt gegenwärtig die jüdisch-ungarische Immigrantin Sheila Heti zu den fünfzehn besten Autorinnen unserer Zeit. Ihr Buch „Mutterschaft“ stellt das Idealbild der Superwoman in Frage, das immer noch als typisch amerikanisch gilt. Sie kämpft mit ihrem Buch an gegen die vorherrschende Meinung, dass eine Frau vor allem dann eine ideale Frau sei, wenn sie intelligent, erfolgreich, sexy und mütterlich zugleich ist. Die Autorin Sheila Heti sieht die Mutterschaft nicht als eine primäre Lebensbestimmung der Frau an. Sie moniert, dass kinderlose Frauen in unserer Gesellschaft immer noch als egoistisch und karrieregeil gelten. Damit hat sie weltweit eine Debatte angestossen. Die Story in ihrem Buch ist auch ihre eigene. Die Grenze zwischen Biografie und Fiktion zerfliesst. In der Literatur sprechen wir von einer „Autofiktion“. Die Frage, ob eine Frau zur Mutterschaft geboren sei, hat die Autorin ein Leben lang beschäftigt. Ihr Buch ist ein Plädoyer für die Freiheit: Frauen sollen nicht tun müssen, was andere von ihnen verlangen. Sheila Heti wartet mit einer interessanten Alternative zum Kinderkriegen auf. Sie schreibt: „Als Frau kannst du nicht einfach sagen, du willst kein Kind, du musst schon einen Plan haben, was du stattdessen machen willst. Und das sollte etwas Grossartiges sein.“ Worum aber soll es sich bei dieser grossartigen Alternative handeln? Um das Schreiben! Kann Schreiben eine Alternative sein zum Kinderbekommen? Ja, sagt Sheila Heti. Dem Schreiben ordnet sie alles unter. Sheila Heti ist damit zu einer literarischen Influencerin avanciert, welche die Genderdiskussion weiter anheizen könnte: Soll man heute als Mutter noch Kinder auf die Welt stellen?

Diskussion um Schuld und Sühne bei John Grisham. Auch John Grisham gilt weltweit als ein literarischer Influencer, Homemade In The USA, dies besonders auf dem Gebiet des Thrillers. Auch hier: Alter Wein in neuen Schläuchen. Da ist einmal die ewige Debatte um die Todesstrafe. Bis vor kurzem noch war John Grisham ein Befürworter der Todesstrafe. Dürfen wir uns als Strafer und Richter aufspielen? Wie geht unsere Gesellschaft mit den Themen Schuld und Sühne um? Was ist angemessen? In den USA kommt die Todesstrafe immer noch zur Anwendung. In seinem neusten Thriller wird es nun Zeit, dass John Grisham die Problematik aufzeigt, die mit der Todesstrafe zusammenhängt. Zur Story: Im Süden der USA schlägt ein Mörder zu. Der Mörder galt bis anhin als eine äusserst respektierte Persönlichkeit. Wieso aber steht diese Person eines Morgens auf und erschiesst den Pfarrer der Gemeinde? Zur besonderen Dramaturgie bei John Grisham gehört, dass der Angeklagte kein einziges Wort zu seiner Tat sagt. So kommt der Angeklagte, der wahrscheinliche Mörder, vor Gericht. Das Verdikt lautet auf Todesstrafe. Zu Recht? Befürworter der Todesstrafe müssen nach der Lektüre des Thrillers von John Grisham wohl oder übel über die Bücher…

Viele von uns sind gegenwärtig Amerika-Kritiker. Und dies wohl ist der aktuelle Aufhänger, der John Grishams Thriller zum Bestseller hochpusht. Wie John Grisham sind auch viele von uns enttäuscht vom Zauderer Barack Obama und vom amoralischen Donald Trump. Es ist zurzeit angesagt, mit dem aktuellen Amerika hart ins Gericht zu gehen.

Können literarische Influencer wie John Grisham und Sheila Heti ein Land wie Amerika verändern und verbessern? Können sie vielleicht gar die Welt verändern und verbessern? Oder ist Literatur einzig und allein beschreibend? Antworten auf diese Fragen werden die Key Influencer aus dem Umfeld der amerikanischen Medien geben.

Text und Foto: Kurt Schnidrig

Ein Kommentar auch kommentieren

  1. Charles Stünzi sagt:

    Ja, Kurt, du hast recht: Sogenannte Influencer mögen den Erfolg von Schriftstellern und ihren Werken in kommerzieller Hinsicht, d.h. die Verkaufszahlen betreffend, massgeblich beeinflussen. Bestseller entstehen heutzutage wohl zunehmend auf diesem digitalen Weg. Über die literarische Qualität von Büchern entscheiden aber zum Glück immer noch andere Leute, nämlich professionelle, studierte Fachleute, die viel von Literatur verstehen, d. h. Kritiker bzw. Rezensenten und Literaturwissenschaftler (wobei sich diese natürlich im einzelnen Fall keineswegs immer einig sind!).

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