Komm, du stürmischer Herbst

Die Sonnenblumen sind zerfetzt. Dunkle Wolken ziehen auf. Er kommt dieses Jahr auf den Tag genau. Zumindest hält er sich an die Spielregeln. Am 1. September kommt er, der letzte Tag dieses Hochsommers.  „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“ – wer hat nicht schon diese Worte aus Rilkes „Herbsttag“ auf sich bezogen? Doch halt! Es gib Rezepte gegen den September-Blues. Es sind dies die Erinnerungen an einen unglaublichen Sommer.

Rainer Maria Rilke liebte und feierte den Herbst wie keine andere Jahreszeit. Vom ersten grossen Herbststurm versprach er sich eine geradezu therapeutische Wirkung. Rilke war überzeugt, dass der erste Sturm des Herbstes seelische Befreiung mit sich bringt und uns ermutigt, neue Aufgaben anzupacken. Ende August 1906 schrieb er an seine Geliebte (seine Muse) Mathilde Vollmoeller: „Im Park ist es kühl und herbstlich, und bald kommt die Notwendigkeit zu neuem Entschluss – .“ Der Herbst bringt Abschied in der Natur, er bringt aber auch Neubeginn in der Liebe und im Schaffen.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. Wirklich? Mitten im Spätherbst fand der Dichter Rilke ein patentes Rezept gegen die Melancholie des Herbstes: Im November 1897 lernte er Mathilde Vollmoeller kennen. Sie war eine deutsche Malerin und versuchte sich auch hin und wieder im Schreiben und Dichten. Die beiden wachten, lasen und schrieben sich lange Briefe. Ganz genau 99 Briefe sollten es werden. 1907 fanden sich die beiden in Paris, anlässlich einer Cézanne-Ausstellung. „Mathilde lernte mich zu sehen“, wird sich Rilke später liebevoll an sie erinnern.

Doch leider brachten die Stürme eines frühen Herbstes dem Dichter Rilke kein Glück. Seine Mathilde, seine Muse, sie, die ihn das Sehen lernte, sie verliebte sich in einen anderen. Er hiess Hans Purrmann und war Maler wie sie. Rilke war wieder allein, sollte es auch lange bleiben, er wachte, las, schrieb lange Briefe und wanderte unruhig in den Alleen hin und her, wenn die Blätter trieben. Die Ehe mit Hans Purrmann sollte auch Mathilde kein Glück bringen. Wegen seinen Aufenthalten in Paris setzte Adolf Hitler den Maler Hans Purrmann auf die Liste der unerwünschten Künstler. Er sei ein „Französling“ und seine Kunst sei „entartet“ liess das Hitler-Regime verlauten. Hans und Mathilde flohen in den Süden, nach Italien. Jahre später starb Mathilde in München und liess einen gebrochenen Ehemann zurück.

Doch genug der Melancholie! Es ist auch Rilke, der uns alle auffordert, die letzten Tage dieses Hochsommers zu geniessen. „Sie sehen sehr gut aus“ – „wie schön braun Sie geworden sind“ – „wie Sie sich verändert haben“ – und wir sind einen Augenblick verlegen, aber wir lächeln uns dankbar an, wir sind glücklich. Warum? Die Erinnerungen sind noch lebendig, sie schlafen noch nicht. Die Sommer-Menschen sind redselig und mitteilsam. Sie fühlen den Glanz und die Wärme von vielen Sommertagen.

Der Dichter Rilke liess sich vom Beginn des Herbstes in eine ganz besondere Stimmung versetzen. Es ist eine Stimmung wie an Aschermittwoch. Ja, Aschermittwoch nach den hellen, sonnigen Sommertagen, die wie Festtage vorbeigezogen sind. Nun kommt der Sturm des Herbstes und reisst den bunten Schmuck von den Wänden des Tanz-Saales „Natur“. Und alle die Blumen und Blüten legen die farbigen Maskengewänder ab. Der Wind ballt eine Staubwolke um dich, so dass es dir über die Stirn rieselt – wie Asche.

Was jetzt noch zu tun ist: Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süsse in den schweren Wein. Komm, du stürmischer Herbst!

Text und Foto: Kurt Schnidrig

Literatur: Rainer Maria Rilke: Herbst. Ausgewählt von Thilo von Pape. Insel Taschenbuch. 115 Seiten.

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