Das Traumaschiff

Wer sich schon mal eine Folge der TV-Serie „Das Traumschiff“ angesehen hat, der ist womöglich fasziniert von den fremden Gestaden, den märchenhaften Städten, den lebenslustigen Menschen und den zauberhaften Geschichten, die sich auf einer Kreuzfahrt abspielen. Doch Achtung! Widersetzen Sie sich aufkommenden Kreuzfahrt-Plänen resolut! Statt der magischen Inselwelt und statt der erotischen Begegnungen könnte die Kreuzfahrt leicht zu einem Albtraum und zu einem Trauma ausarten. Das Traumschiff könnte zum Traumaschiff mutieren. Denn das Genre der Kreuzfahrt-Literatur hat immer wieder Autorinnen und Autoren angezogen, um Stoff für Romane zu finden. Sie alle haben nach zwei Wochen traumatisiert das Traumschiff – nun Traumaschiff – verlassen.

Sebastian Fitzeck hat es getan und David Foster Wallace hat es getan: Sie buchten eine Kreuzfahrt.  Wallace fasste seine Erfahrungen auf einem Kreuzfahrtschiff zusammen: „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“. Nun hätte es beinahe auch der Gewinner des deutschen Buchpreises getan, Bodo Kirchhoff.  Beinahe wäre er in Versuchung geraten, eine Einladung anzunehmen und auf einer Kreuzfahrt von Havanna durch die Karibik zwei Wochen mitzufahren. Alles gratis, nur ein paar Lesungen hätte er dafür halten sollen. Die freundliche Einladung kam per E-Mail. Doch die E-Mail hatte einen Anhang mit Regeln, die klar definieren, wie man sich auf einer Kreuzfahrt zu benehmen habe. Der Anhang mit den Benimm-Regeln war dann der Grund, weshalb Bodo Kirchhoff (oder sein Erzähler-Ich) die Kreuzfahrt absagen musste. Die Veranstalter stellten Bedingungen, die der Schriftsteller unmöglich erfüllen konnte. Stattdessen beschloss er, darüber einen Roman zu schreiben.

Im E-Mail-Roman mit dem Titel: „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ zerpflückt Bodo Kirchhoff nun Punkt für Punkt die Teilnahmebedingungen der Kreuzfahrt, zu der er eingeladen war. Tatsächlich bieten die Teilnahmebedingungen viel Stoff für einen Roman. Da geht es um Lustiges genau so wie um Bedenkliches. Die Themen eignen sich für eine sommerlich-leichte Lektüre. Da geht es beispielsweise um einen Bauchplatscherwettbewerb, oder es geht um eine Souvenirdesinfektionsstation an Bord des Traumschiffs. Aber es geht auch um die Frage, was für eine Rolle ein Künstler oder Schriftsteller in seinem neuen Job als sogenannter Edutainer auf dem Traumschiff zu spielen hat.

Es geht schliesslich um die Frage, was einen Schriftsteller von den Edutainern oder Unterhaltungs-Künstlern unterscheidet. Was ist die Aufgabe eines Schriftstellers, der sich ja eigentlich mit den ernsteren Dingen des Lebens beschäftigt, inmitten von Traumschiff-Gästen, die sich nur vergnügen wollen? Künstler und Schriftsteller werden in der Traumschiff-Buchhaltung abgelegt als „Lieferanten“. So wie Bauern die Lieferanten sind für die Kartoffeln an Bord, oder die Brauereien die Lieferanten sind für das Bier an Bord, so soll der Schriftsteller ein Lieferant sein für eine Vorlesung, für die er im Abendprogramm eine Lücke finden muss, damit ihm und seinen Texten ein paar Leute zuhören.

Bodo Kirchhoff bezweifelt auch den literarischen Geschmack des zahlenden Publikums auf Kreuzfahrt. Auf dem Traumschiff ist, wer sich vergnügen will mit viel Alkohol und wechselnden Flirt-Partnern. So kommt es, dass ein Schriftsteller Fragen zu beantworten hat wie diese: „Warum schreiben Sie?“ „Werden Sie auch mich und meine Geliebte in ihren nächsten Roman mit einbeziehen?“ „Kann ich Sie verklagen, wenn Sie Dinge schreiben, die aus meiner Sicht nicht zutreffend sind?“

Vielleicht sollte ich Menschen, die von einer Kreuzfahrt mit einem Traumschiff träumen, vor solchen Büchern warnen. Denn das Genre der Kreuzfahrt-Literatur kennt keine Traumschiffe, sondern nur Traumaschiffe. Es sei denn, Sie möchten höchstpersönlich überprüfen, ob die literarischen Traumaschiffe vielleicht in Wirklichkeit nicht doch zauberhafte Traumschiffe sind. Solche, wie aus der TV-Serie „Das Traumschiff“.

Text und Foto: Kurt Schnidrig

Literatur: Bodo Kirchhoff: Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. 128 Seiten.

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