Schreibtischtäter

Seitdem bei uns im Wallis die Bildung und die Wirtschaft unter einem Dach sind, sind wir Geisteswissenschaftler alarmiert und beunruhigt.  Staatsrat Darbellay siedelte nach den gewonnen Regierungsratswahlen Bildung und Wirtschaft sehr selbstbewusst in demselben Departement an. Die Zusammenlegung sei auf kantonaler Stufe fast einmalig, verkündet er stolz in der heutigen Themen-Beilage des WB zur Berufsbildung. Staatsrat Darbellay kocht die Suppe, deren Rezept er als studierter Agronom aus der Privatwirtschaft kennt. Bei Menschen wie mir – Germanisten, Literaten, Philosophen – läuten alle Sturmglocken. Aus geisteswissenschaftlicher Sicht hat Bildung nämlich nicht nach den Vorgaben der Wirtschaft zu funktionieren. Das könnte katastrophal enden.

Was nützt der Wirtschaft? Wie lässt sich noch mehr Geld verdienen und Karriere machen? Geht es nach den Prinzipien der Wirtschaft, müsste Bildung sich um derartige Kernkompetenzen bemühen. Viele Geisteswissenschaftler sehen pechschwarze Zukunftsvisionen, sollten wirtschaftsdominante Bildungssysteme Schule machen. Sie warnen davor, dass unsere Schulen und Universitäten keine „ganzen Bürger“ mehr hervorbringen, keine kreativen Köpfe. Dagegen droht uns eine Ameisenarmee von karriereorientierten Technokraten.

Wir Geisteswissenschaftler haben es in Zeiten knappen Geldes viel schwerer als die Naturwissenschaftler, wenn es darum geht, unser Tun zu rechtfertigen. Den Wirtschaftsbossen fällt es in Zeiten der Sparprogramme viel leichter, die Repräsentanten der „weichen Wissenschaften“ als Schreibtischtäter zu deklassieren, die bloss Papierflieger vom Elfenbeinturm aus ins Publikum werfen. Den Geisteswissenschaften wird vorgeworfen, sie beschäftigten sich hauptsächlich mit Kleinkram, der keinen rechten Nutzen hätte. Dazu verfügten sie als blosse „Verbalwissenschaften“ nicht einmal über ordentliche Methoden. Dass dem nicht so ist, müsste dringend einmal in einem breiten Argumentarium dargelegt werden.

Was macht Geisteswissenschaft? Und was macht sie aus? Ein Standardwerk dazu hat Marcus Beiner an der Universität von Berlin herausgegeben. Er nimmt eine Standortbestimmung der „Humanities“ vor. Darin beschreibt er die Geisteswissenschaften als Navigatorinnen durch die Welt der Kultur. Mit ihrem universalen Anspruch, sich mit allem zu beschäftigen, was der menschliche Geist hervorgebracht habe, hätten sie das Zeug, zu Leitwissenschaften des 21. Jahrhunderts zu avancieren.

All jenen, die glauben, dass nur die Wirtschaft Profit bringt, möchte ich das Folgende zu bedenken geben: Geistes- und Sozialwissenschaften bringen ebenfalls grossen Profit. Auch sie bringen Nutzen für das Leben. Sie liegen dem Staat nicht einfach nur auf der (Geld-) Tasche. Ihr Geschäft ist nicht messen und wiegen – wie dies in Wirtschaftskreisen getan wird, ihr Geschäft ist vielmehr ermessen und abwägen. Ein geisteswissenschaftliches Studium bietet die Vermittlung der Denk-Software.

Was lässt sich mit dieser Denk-Software bewerkstelligen? Die Geistes- und Sozialwissenschaften erschliessen zum Beispiel den Umgang mit fremden Gesellschaften. Sie zeigen, wie verschiedene Ökonomien funktionieren. Sie liefern beispielsweise die heute so wichtig gewordene „interkulturelle Kompetenz“, dazu gehören die Erziehung zur Toleranz ebenso wie das Wissen darum, wie man sich neue Märkte erschliessen kann.

Die Denk-Software, welche die Geisteswissenschaften vermitteln, beinhaltet jedoch auch verschiedene Denkstile und Methoden, die unser geistiges Spektrum erweitern, weit über wirtschaftliche Ellbogen-Kämpfe und Egoisten-Getue hinaus. Geisteswissenschaften verlangen, auch mal gegen den Strich zu denken, aus scheinbar Widersprüchlichem Synthesen herzustellen oder auch mal quer zu denken. Interdisziplinarität ist ihre Stärke. All dies sind Kompetenzen, die auch einem CEO gut anstehen.

Geisteswissenschaften lernen uns etwa auch die Kunst der Informationsauswertung. Gefragt ist in einer globalen Welt, wer aus kleinsten Informationsbruchstücken komplexe Zusammenhänge rekonstruieren kann. Oder wer aus riesigen Textlawinen das Wesentliche herauszudestillieren imstande ist, was beispielsweise von einem Literaten oder Publizisten verlangt wird.

Brechen wir also eine Lanze auch für die Geisteswissenschaften! Die weichen Wissenschaften, die Humanities, sind in unserem Bildungssystem mehr denn je gefragt. Was unser von Sparprogrammen geplagtes Finanzdepartement auch interessieren könnte: Die Ausbildung eines promovierten Philosophen kostet den Staat rund 30’000 Franken im Jahr. Zum Vergleich: Ein Ingenieur der Agrar- und Forstwissenschaften kostet den Staat rund 130’000 Franken im Jahr. Da sind die 30’000 Franken für die Ausbildung künftiger Weltbürger, Pädagogen, Literaten, Publizisten usw. geradezu ein Schnäppchen-Preis und die Geisteswissenschaften sozusagen ein Discount-Produkt.

Text und Foto: Kurt Schnidrig

Literatur: Marcus Beiner: Humanities. Was Geisteswissenschaft macht. Und was sie ausmacht. Berlin University Press, Berlin. 154 Seiten.

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