Wiedersehen am Buchfest

Alle zwei Jahre nimmt unter den Arkaden des Stockalperschlosses das Buchfest eher still und leise seinen Lauf. Heute Samstag ging nun bereits die 4. Auflage über den gepflasterten Hof des Briger Schlosses. Bei meinem Besuch zur Mittagszeit ist die Buchauswahl immer noch beeindruckend. Vorab Menschen mittleren Alters stöbern in den Occasions-Büchern und lassen sich zum einen oder anderen Schnäppchen-Kauf verführen.

„Verführen“ ist vielleicht ein etwas gewagter Ausdruck, denn die Verführungskünste gehen beim Buchfest ausschliesslich vom reizvollen Cover eines Buches aus oder von einem Buchtitel, der einem „gerade noch gefehlt hat“, wie sich eine junge Dame mit einem Augenzwinkern fast entschuldigend an mich wandte. Sie hatte sich den Wälzer „Frauen im Laufgitter“ von Iris von Roten für 5 Franken erstanden. Der Untertitel „Offene Worte zur Stellung der Frau“ klingt immerhin schon mal verführerisch.

Sonst aber alles meist recht ernste Belletristik von gehobenem Niveau. Die ausgemusterten Exemplare erinnern mich an eine Schulbibliothek, wie sie früher in Oberstufen-Klassen gang und gäbe war. Aktuelle Literatur allerdings suche ich fast vergebens. Kein Lukas Bärfuss, keine Sibylle Berg, kein Pedro Lenz. Dafür aber viel Regionales, sogenannte „Vallesiana“, Dichter und Autoren aus dem Deutschwallis, einst in aller Leute Munde, jetzt still und für einen Zweifränkler abgehalftert.

Und sonst? Viel Klassisches querbeet durch die deutsche Literaturgeschichte der letzten 200 Jahre. Eine Gesamtausgabe der Schillerschen Werke mit Goldprägung. Wer hat denn heute noch Platz zu Hause für sowas Protziges? Eventuell im Carnotzet, überlege ich, um ein Mauseloch in der Wand stilvoll zu verstecken.

Dann die vielen „Abrisse“ der deutschen Literaturgeschichte. Alles Versuche, das Schreiben von Jahrhunderten irgendwie zu kategorisieren und in Epochen zu zwängen. Eigentlich müsste es richtig heissen „Abriss der deutschsprachigen Literaturgeschichte“. Gut, dass diese „deutschen Literaturgeschichten“ (aus Deutschland, ohne die Schweiz) nun abgeschrieben sind. Denn deutsches „Epochendenken“ ist nicht mehr angesagt, hat wohl nie so existiert. Das Denken in Epochen ist ein Konstrukt von zwanghaften deutschen Ordnungsfanatikern und Oberstufenlehrern.

Warum eigentlich der Name „Buchfest“? Ausser einer Kaffeemaschine in einer Ecke des Stockalperhofs lässt kaum etwas oder jemand Feststimmung aufkommen. Keine Einladung zu einem „Bücher-Talk“, zu einer „Bücher-Bar“, zu einem „Bücher-Club“ oder zu einer „Lese-Ecke“. Kein Problem, ich habe Verständnis. Eigentlich müsste der Anlass „Buch-Antiquariat“ heissen oder „Büech-Märt“, aber wer geht heute noch in ein Antiquariat? Und ein „Buch-Flohmarkt“ tönt auch irgendwie uncool, irgendwie nach alten Schulbüchern oder SJW-Heftchen. Kommt dazu, dass das Wallis in diesen Tagen eh eine einzige grosse Festhütte ist. Also dann doch lieber „Buchfest“.

Was mir beim Gehen noch zu schaffen macht: Wie gross mag wohl der Trennungsschmerz gewesen sein bei all jenen, die sich nun definitiv von Bertolt Brecht, von Heinrich Böll oder von Günther Grass in Buchform getrennt haben? Trennt sich ein echter Bücher-Fan überhaupt von seiner Hausbibliothek? Bücher seien etwas Sinnliches, heisst es.

Bücher haben aber auch etwas Tröstliches, zumindest am Buchfest: Ein Bücherwurm oder eine Leseratte freut sich bestimmt über das Wiedersehen mit einem schon fast vergessenen Buch. Zumindest bis zum Abschied vom Schnäppchen-Buch beim nächsten Buchfest.

Zum Bild: Schmökern am 4. Buchfest im Stockalperschloss. Foto: Kurt Schnidrig.

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